Sonntag 05.09.2010
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»Hier leben nicht einfach nur ›Alte‹«

Möhringen. Schüler des Königin-Charlotte-Gymnasiums haben eine Woche lang im Pflegezentrum Bethanien ein Praktikum absolviert. Dabei haben die Neuntklässler unterschiedliche Erfahrungen gesammelt, die ihren Blick auf das Älterwerden beeinflussen.


Von Emily Schwarz
»Die meisten alten Menschen sind sehr nett« sagt Vanessa, 15 Jahre alt. »Schwierig finde ich den Umgang mit verwirrten Bewohnern, die nicht alles mitbekommen.« Mitschülerin Nadine ergänzt: »Einige Frauen waren nicht ganz da. Das war ungewohnt für mich.« Am ers-ten Abend des Praktikums lauschten die Bewohner und Schüler gemeinsam einem Klavierspieler und sangen dazu. Eine Bewohnerin rief immer wieder »hallo« dazwischen, ein anderer Senior wollte partout nicht sitzenbleiben.
»Für die Schüler ist es schwierig, diese Reaktionen der Bewohner einzuordnen«, sagt Brigitte Grimm-Klados. Die Ehrenamtskoordinatorin begleitet das Projekt. »Besonders das unerwartete Verhalten dementer Menschen ist eine Erfahrungen, die kein Neuntklässler kennt.«
Sozialkompetenz stärken

Doch genau dieses Ziel hat das Projekt: Die Schüler sollen praktische Kenntnisse erwerben und Sensibilität für die Bedürfnisse anderer Menschen vertiefen. Durch die aktive Nächstenliebe an hilfsbedüftigen Menschen soll die Fähigkeit, anderen Menschen etwas geben zu können, entdeckt und ausgebaut werden. »Vielleicht auch im Hinblick auf die spätere Berufswahl«, sagt Brigitte Grimm-Klados.
Das Königin-Charlotte-Gymnasium schreibt für alle Schülerinnen und Schüler in der neunten Klasse ein Sozialpraktikum vor. Zum dritten Jahr in Folge kooperiert die Schule hierbei auch mit dem Pflegezentrum Bethanien. Die Schüler können – je nach Kapazitäten – selbst wählen, ob sie in einem Bereich der Altenhilfe, in einer Behinderteneinrichtung, einem Kindergarten oder in einer Jugendfarm hinter die Kulissen schauen.

Eine Woche Abwechslung

Im Pflegezentrum Bethanien setzen sich die Jungen und Mädchen in den verschiedenen Wohn- und Arbeitsbereichen des Pflegeheims ein.
Sie gehen beispielsweise täglich mit den Bewohnern spazieren, führen Gespräche, unterstützen hilfsbedürftige Senioren beim Essen und Trinken oder lesen ihnen vor. Eine Lehrerin der Altenpflegeschule bereitete die Schüler auf diese Aufgaben vor. Sie vermittelte ihnen Basiswissen, beispielsweise über den sicheren Umgang mit Rollstühlen.
In den Wohnbereichen stehen die Pflegekräfte mit Rat und Tat zur Seite. Außerdem tauschen sich die Schüler am Ende jedes Arbeitstages mit Brigitte Grimm-Klados über ihre Erfahrungen aus. Dort haben sie Gelegenheit, schwierige Begegnungen und Situationen zu verstehen und zu verarbeiten.

Jung und Alt vereint

Vanessa, 15 Jahre alt, Annelie, 14, und Daniel, 15, waren in der vergangenen Woche zum ersten Mal in einem Heim für Senioren und haben mitgearbeitet. Sie ziehen Fazit.
»Hier leben nicht einfach nur ›Alte‹, die jemand versorgen muss«, sagt Annelie. »Wir haben gesehen, was alles dahintersteckt und einen anderen Blick für das Pflegezentrum bekommen.«
»So viele verschiedene Aufgaben fallen hier jeden Tag an«, bemerkt Vanessa. »Die Menschen werden nicht ›abgeschoben‹«, ergänzt Daniel. »Es ist schön zu sehen, wie im Alter für einen gesorgt wird.«
Brigitte Grimm-Klados weiß: Das Projekt hat einmal mehr dazu beigetragen, Berührungsängste zwischen den Generationen abzubauen und ein angemessenes Bild von Alter und Pflegebedürftigkeit zu vermitteln.


02.02.2010


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